Auf den meisten Routen durch Tschechien fahren Sie einfach daran vorbei. Das Böhmisch-Mährische Hochland, die Region Vysočina, irgendwo zwischen Prag und Brünn. Viele Reisende kennen diesen Teil des Landes nicht oder sehen ihn als Durchfahrtsgebiet auf dem Weg in die Hauptstadt. Und genau das macht Schloss Červená Řečice zu einer solchen Überraschung. Denn hier, in einem Dorf, das man auf der Karte kaum finden würde, steht ein Renaissanceschloss mit einer Befestigungsanlage, die in ganz Tschechien ihresgleichen sucht.
Ich war selbst im April 2025 dort. Die Kastellanin, Frau Miroslava Paclová, führte mich durch das Schloss, und was ich an jenem Morgen sah, ließ mich nicht los: ein Schloss mit einer Geschichte, die viel größer ist, als das stille Dorf drumherum vermuten lässt.
Video: Schloss Červená Řečice, YouTube
Wie das Schloss zu seinem Namen kam
Die Geschichte beginnt im 16. Jahrhundert. Šebestián Leskovec, der damalige Eigentümer, wollte ein neues Dach für sein Schloss. Kein gewöhnliches Dach, sondern ein aufwendiges Dach aus roten Dachziegeln. So auffällig rot, dass es von Kilometern her zu sehen war. Das gesamte Landgut bekam bald den Beinamen Červená Řečice, was so viel bedeutet wie das Rote Řečice. Dieser Name existiert bis heute. Das sagt eigentlich schon alles über dieses Schloss: Hinter jeder Ecke steckt eine Geschichte.
Foto: Schloss Červená Řečice, VisitCzechia
Ein Sommersitz für den Erzbischof
Červená Řečice war jahrhundertelang kirchlicher Besitz. Das Schloss diente als Landsitz der Prager Erzbischöfe, und das ist noch heute spürbar. Nicht als trockene Fakten auf einem Schild, sondern im gesamten Interieur: der Einrichtung, der Atmosphäre, bis hin zum Geschirr, das eigens für den Erzbischof angefertigt wurde. Solche Details machen Geschichte plötzlich greifbar. Man steht nicht in einem Museumssaal, sondern in den Zimmern, in denen einst ein Kirchenfürst seine Sommer verbrachte.
Der älteste Kern reicht noch viel weiter zurück. Was heute ein Renaissanceschloss ist, begann als mittelalterliche Wasserburg in einer sumpfigen Landschaft, umgeben von einem Graben und Teichen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde immer weiter gebaut: sieben Flügel, zwei Türme, drei Bastionen und eine Mauer, die sich allmählich zu einem Komplex entwickelte, der sich um drei Innenhöfe schließt. Die tschechische Renaissance hinterließ hier einige ihrer schönsten Spuren in den Sgraffiti an den Fassaden. In Putz gekratzte Muster und Figuren, die bis heute erhalten sind und zu den besten Beispielen des Landes zählen. Auf den Lunettengesimsen sind Heilige, Engel und sogar ein Hochzeitszug mit Pferden und Wagen zu erkennen.
Foto: Die Fassaden sind vollständig mit Sgraffiti-Verzierungen bedeckt, vysocina.eu
Ein Schloss, das aus der Asche steigt
Das Besondere an Červená Řečice ist nicht nur, was dort steht, sondern was dort gerade passiert. Das Schloss befindet sich in den Händen eines privaten Eigentümers, der mit großem Einsatz einen Großteil der Restaurierung abgeschlossen hat. Das Interieur ist fertig. Für den letzten Abschnitt wurde eine europäische Förderung bewilligt, sodass noch einige Jahre gearbeitet wird, bevor alles abgeschlossen ist.
Gerade diese Übergangsphase macht einen Besuch jetzt so interessant. Sie können mit eigenen Augen sehen, was alles dazugehört, ein solches Denkmal zurückzubringen: den Putz, die Gewölbe, die Säle, die ihre alte Ausstrahlung zurückgewinnen. Das ist eine Erfahrung, die Sie in einigen Jahren, wenn alles glänzend fertig ist, nicht mehr auf dieselbe Weise machen können. Wer jetzt kommt, erlebt ein Schloss in Bewegung.
Foto: Zamek Červená Řečice in Tschechien, vysocina.eu
Was Sie dort erleben
Die geführte Besichtigung nimmt Sie mit durch die Räume im ersten Obergeschoss, die teilweise mit Mobiliar aus benachbarten Schlössern eingerichtet sind. Abgeschlossen wird die Führung mit einer Video- und Audiopräsentation auf einem Schlossmodell, bei der die gesamte Baugeschichte visuell zum Leben erwacht. Für Kinder eine schöne Möglichkeit, die Geschichte mitzunehmen, ohne dass es eine Reihe von Jahreszahlen wird.
Wer lieber im eigenen Tempo erkundet, kann ohne Führung die Innenhöfe besichtigen. Am Eingang finden Sie eine historische Karte und eine archäologische Ausstellung zur Schlossküche. Auf dem zweiten Innenhof ist ein bemerkenswertes Detail zu sehen: ein Quarantänezimmer aus der Zeit der Pest. Draußen führt ein eigener Rundweg entlang der Befestigungsanlage, mit den achteckigen Bastionen und dem weitgehend intakten Wassergraben.
Unter den archäologischen Funden befinden sich auch kleine persönliche Gegenstände: Keramik, Münzen und ein Bierkrug aus dem 15. Jahrhundert. Irgendwer saß hier einmal ganz einfach und trank. Solche Details machen Geschichte auf einmal viel greifbarer.
Foto: Video- und Audiopräsentation des Schlosses Červená Řečice, Jellie Banga
Warum diese Befestigungsanlage einzigartig ist
Červená Řečice ist offiziell ein Nationales Kulturdenkmal, und das ist kein leerer Titel. Das Befestigungssystem hat in der frühneuzeitlichen Architektur Tschechiens keine Entsprechung. Die Renaissancebastionen mit ihrer unregelmäßigen vieleckigen Form waren für Kreuzfeuer konzipiert und sollten einen Feind bereits auf große Entfernung aufhalten. Das Ganze entstand in langen Abständen, wahrscheinlich weil ein solches Bauwerk schlicht und einfach enorm teuer war. Wer heute hindurchgeht, sieht Jahrhunderte Baugeschichte ineinandergreifen: einen gotischen Kern, einen Renaissancemantel und barocke Ergänzungen, die ineinander übergehen. Genau solche Orte zeigen, dass Tschechien weit mehr ist als Prag.
Foto: Schloss Červená Řečice in Vysočina, vysocina.eu
Das Dorf Červená Řečice: mehr als das Schloss
Ein Besuch im Schloss ist auch ein schöner Anlass, durch das Dorf selbst zu schlendern. Červená Řečice ist klein und ruhig, mit einem sympathischen Dorfplatz und einer Kirche, bei der es sich lohnt, einen Moment innezuhalten.
Geht man um das Schloss herum, findet man auf der Rückseite die Teiche. Sie gehören zu der alten Landschaft, in der die Burg einst entstand, als Wasser noch die wichtigste Verteidigung war. Heute sind es vor allem schöne Plätze zum Spazierengehen und um das Schloss von einer anderen Seite zu sehen. Zusammen machen der Dorfplatz, die Kirche und die Teiche aus einem Schlossbesuch einen vollständigen Ausflug von einigen Stunden, besonders mit Kindern, die nach der Führung noch ein wenig draußen toben möchten.
In der Nähe: Hotel und Restaurant Na Kocandě in Želiv
Rund 15 Fahrminuten vom Schloss entfernt, im Tal des Flusses Želivka, liegt das Hotel Na Kocandě im Dörfchen Želiv. Dieses neuromantische Hotel aus den Jahren 1910–1911 spielte stets eine zentrale Rolle im Dorfleben. Die Gäste kehren immer wieder zurück, wegen der ruhigen Vysočina-Landschaft und der ehrlichen, traditionellen tschechischen Küche. Direkt neben dem Hotel, nur rund 400 Meter entfernt, liegt der Stausee Trnávka, beliebt zum Schwimmen, Angeln und für Wassersport.
Im Dorf selbst steht auch das Prämonstratenserstift Želiv, ein architektonisches Juwel des Barockbaumeisters Jan Santini. Ein gelungenes Tagesprogramm: das Schloss am Morgen, Mittagessen auf der Terrasse des Hotels Na Kocandě, danach ein Spaziergang am Kloster entlang oder eine erfrischende Abkühlung im Trnávka.
Foto: Hotel Na Kocandě in Želiv, vysocina.eu
Praktisches: Öffnungszeiten und Eintrittspreise
Das Schloss liegt in Červená Řečice (Červená Řečice č.p. 1), in der Nähe von Pelhřimov.
- April, Mai und Oktober: Samstag und Sonntag, 10.00–16.00 Uhr
- Juni bis September: Dienstag bis Sonntag, 10.00–17.00 Uhr
- November bis März: geschlossen
- Außerhalb der Saison: Gruppenführungen (mind. 10 Personen) auf Anfrage
Eintrittspreise geführte Besichtigung:
- Erwachsene: 210 CZK (ca. 8–9 €)
- Studenten (bis 24 Jahre) und Senioren (65+): 170 CZK
- Kinder 6–15 Jahre: 150 CZK
- Familienticket (2 Erwachsene + 3 Kinder): 745 CZK (ca. 30 €)
- Kinder unter 6 Jahren: kostenlos
Nur die Innenhöfe zu besichtigen ist ohne Führung und ohne Reservierung für 60 CZK (ca. 2,50 €) möglich. Eine Reservierung für die geführte Besichtigung wird empfohlen, spontane Besuche sind aber ebenfalls willkommen. Fremdsprachige und Gruppenführungen werden nach Absprache angeboten. Aktuelle Zeiten und Online-Tickets unter cervenarecice.cz.
Foto: Innenraum des Schlosses Červená Řečice, Jellie Banga
Ein Ausflug von Ihrem Ferienhaus aus
Das Schöne an einem Schloss wie Červená Řečice ist, dass man es entdeckt, wenn man nicht an eine Stadt gebunden ist. Wer von einem Ferienhaus aus unterwegs ist, fährt viel leichter zu solchen Orten: ein Vormittag im Schloss, ein Spaziergang an den Teichen und dem Dorfplatz, und am Nachmittag wieder zurück zur eigenen Unterkunft. So erlebt man das Tschechien, das die meisten Reisenden verpassen.
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Foto: Innenraum des Schlosses Červená Řečice, Jellie Banga
Häufig gestellte Fragen zu Schloss Červená Řečice
Wo liegt Schloss Červená Řečice? Das Schloss liegt im Dorf Červená Řečice in der Region Vysočina, in der Nähe von Pelhřimov, ungefähr zwischen Prag und Brünn.
Wann wurde das Schloss für die Öffentlichkeit wiedereröffnet? Nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten öffnete das Schloss am 1. Juli 2023 erstmals seine Türen für die Öffentlichkeit.
Was macht dieses Schloss architektonisch besonders? Das Schloss ist eines der schönsten Beispiele der tschechischen Renaissance, mit einem einzigartigen Befestigungssystem, das in der frühneuzeitlichen Architektur des Landes keine Entsprechung hat. Charakteristisch sind außerdem die reiche Sgraffiti-Fassadendekoration und die Überlagerung gotischer, renaissancistischer und barocker Bauphasen.
Welche historischen Elemente sind erhalten geblieben? Der runde Wachturm, der Wassergraben, die Befestigungsanlage mit achteckigen Bastionen, große Teile der Sgraffiti-Verzierungen und mehrere gotisch-renaissancistische Bauteile sind gut erhalten.
Ist die Restaurierung bereits abgeschlossen? Das Interieur ist fertig, aber das Schloss wird noch restauriert. Für den letzten Abschnitt wurde eine europäische Förderung bewilligt. Es wird voraussichtlich noch einige Jahre dauern, bis alles abgeschlossen ist, was einen Besuch jetzt besonders macht: Sie sehen den Unterschied zwischen Alt und Restauriert.
Was ist bei der Führung zu sehen? Die geführte Besichtigung verbindet den Besuch der Räume im ersten Obergeschoss mit historischem Mobiliar, einer archäologischen Ausstellung und einer Video- und Audiopräsentation auf einem Schlossmodell.
Welche archäologischen Funde sind zu sehen? Bei Ausgrabungen wurden Keramik, Münzen und ein Bierkrug aus dem 15. Jahrhundert gefunden. Diese sind in der Ausstellung zu sehen.
Ist das Schloss für Kinder geeignet? Ja. Die Video- und Audiopräsentation macht die Geschichte zugänglich, es gibt ein Familienticket und rund um das Schloss können Sie schön an den Teichen und dem Dorfplatz spazieren gehen. Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt. Hunde sind übrigens ebenfalls willkommen.
Wie weit ist das Schloss von Prag entfernt? Červená Řečice liegt rund 120 Kilometer von Prag entfernt, die Fahrzeit beträgt etwa anderthalb Stunden. Über die D1 Richtung Humpolec oder Pelhřimov kommen Sie gut dorthin.






